Dienstag, 17. November 2015

Erfahrungen (1)



Angst? Vor wem?




Sprachlehrer Michael B. über seinen gestrigen ehrenamtlichen Deutsch-Unterricht in der Westlichen Industriestraße, wo seit kurzem neue Bewohner aus Syrien untergebracht sind:

Heute hatte ich die ersten sieben Syrer als Sprachschüler. Höflichst. Bitte, Entschuldigung, Danke gehörten schon zum Standardrepertoire. Alles Sprachtalente und wissbegierig wie ein Schwamm - so viel Stoff habe ich noch nie in 90 Minuten reproduzierbar vermitteln können. Sie sind froh, dass sie in Baden-Baden sind, in Donaueschingen, wo sie vorher waren, war die Atmosphäre sehr angespannt, Kein Wunder, in einer Kaserne mit knapp 1.800 Bewohnern, Security, Zäune etc. Auch die Bevölkerung sei sehr zurückhaltend gewesen. Das sei hier anders, sie würden "einfach so" gegrüßt. Darüber freuen sie sich ein Loch in die Mütze. Es sei zwar furchtbar eng, zu dritt auf 18 qm, aber trotzdem fühlen sie sich freier. Für hiesige kulturelle Gepflogenheiten, Gebräuche, Benehmen etc. interessieren sie sich ungemein, sie wollen höflich sein und nirgends anecken. Eine Woche sind sie jetzt hier. Draußen vor dem Klassenzimmer entdecken quietschend vor Freude 3 kleine Mädchen Schaukel und Wippe. Mama schubst an, schüchtern schaut sie ins Klassenzimmer, die Mädchen winken und lachen, ich winke zurück, da schaut der Papa von außen ins Zimmer. Ich winke nochmal, er lächelt, legt eine Hand aufs Herz, dann legt er beide Hände zusammen und verbeugt sich mehrmals. - Ja, vor den Flüchtlingen muss man Angst haben.

Übrigens: Sie wissen alle sehr gut über Pegida Bescheid. Neonazis waren ihnen allerdings neu. Sie haben sich schlapp gelacht, als ich ihnen erklärt habe, was die erzählen, welches Weltbild sie haben. "You´re kidding, aren´t you?" Die weiteren Erklärungen meinerseits machten sie betroffen und einer fragte: "But you don´t have many of them - here in Baden-Baden, I guess?" Meine Frage, wie er darauf käme beantwortete er mit: "I didn´t notice any, ahm, braune Suppe here." - Schnelle Lerner.