Samstag, 19. März 2016

Samstags-Akademie


Wochenend-Akademie für Wissbegierige

Diese Stadt steckt voller Hilfestellungen für unsere Flüchtlinge!



Seit ein paar Wochen gibt es für wissbegierige Akademiker unter den Asylbewerbern eine neue Möglichkeit, sich weiterzubilden: Die Samstags-Akademie in der Stadtbibliothek, ins Leben gerufen und geleitet von Elisabeth Kaiser, die in Baden-Baden keine Unbekannte ist: Sie hat ein Herz für junge Kunst in Baden-Baden, und unter der Regie ihres Vereins "Art Bankett" organisiert sie seit einiger Zeit sehr erfolgreich Poetry Slams im LA8. (Der nächste Termin ist übrigens Samstag, 8. Mai um 19.30 Uhr) => KLICK

Über diese Schiene kam auch die Samstagsakademie zustande: Als Elisabeth Kaiser einen Bericht über den jungen syrischen Schlagzeuger Ahmad Hashem las (=> KLICK ), kam ihr spontan die Idee, ihn zu einem Auftritt beim nächsten Poetry Slam einzuladen. Und weil Ahmad noch nicht gut Deutsch kann, wurde ihr Khalil Khalil ( => KLICK ) als Dolmetscher vermittelt. Der wiederum nimmt zwar seit einigen Monaten eifrig und mit ausgezeichnetem Erfolg an den Deutschkursen der Volkshochschule teil, aber wissbegierig wie er ist, würde er gern noch viel, viel schneller viel, viel mehr lernen.

Das brachte Elisabeth Kaiser auf die Idee, eine kleine akademische Arbeitsgruppe zu bilden. Warum?

"Mir geht das Gejammer auf den Wecker", rutscht es ihr heraus. "Wir sollten nicht ständig Bedenken vortragen, sondern die Frage umformulieren, um einer Lösung näherzukommen." So gibt es für sie keine Flüchtlings-"Krise", sondern eher eine Herausforderung, ein Potenzial, aus dem sich etwas machen lässt.



Kurzerhand setzte sie ihre Idee in die Tat um, und seitdem trifft sich die kleine Gruppe regelmäßig jeden Samstag um halb zwölf in einer ruhigen Ecke in der Stadtbibliothek. "Ich wollte die Leute aus den Unterkünften holen", erklärt Elisabeth Kaiser, und sie ist froh und dankbar, dass die Leiterin der Stadtbibliothek, Sigrid Münch, die Idee von Anfang an unterstützt hat und der Gruppe später auch außerhalb der Öffnungszeiten größere Räume zu Verfügung stellen wird, wenn es mit dem angedachten Vortragsprogramm losgeht.

Soweit ist es allerdings noch nicht, auch wenn Elisabeth Kaiser schon viele Pläne hat: Referate über das Justizwesen in Deutschland, über Wirtschaftsformen, über Firmen, die in den nahen Osten exportieren, über verschiedene Berufe in Deutschland, sogar ein Besuch bei einem Winzer ist angedacht. 

Aber vorerst geht es eher in kleinen Schritten und sehr handfest voran. Ein Vortrag über die Heimat steht heute auf dem Programm, und die ungewohnten Worte über Größe und Wirtschaftslage in den großen Städten Syriens kommen noch etwas müham über die Lippen. Immerhin lernt auch die Lehrerin etwas: Dass vermutlich vor 6000 Jahren in Syrien die ersten Olivenbäume kultiviert wurden und es mittlerweile über tausend Arten von Oliven gibt.


 
Keinesfalls will Elisabeth Kaiser ihre kleine Akademie als Ersatz für die Sprachkurse verstehen, vielmehr möchte sie Lücken füllen und vor allem berufsspezifisches Vokabular vermitteln. So nimmt sie die Gruppe auch mit – zu (schwer verständlichen) Vorträgen des Forums Zukunft ebenso wie zu einem Ausflug auf den Merkurberg. Die jungen Männer machen begeistert mit. Dass es im Augenblick ausschließlich vier Juristen (einer fehlt auf dem Foto) sind, ist Zufall. Elisabeth Kaiser ist sehr aufgeschlossen, sie könnte sich auch vorstellen, Ingenieure und Bauingenieure aufzunehmen, die es wohl auch unter den Flüchtlingen gibt. Eine Sechser-Gruppe wäre fürs Erste optimal, schätzt sie. Aber schon in ein paar Wochen, so hofft sie, werden die Teilnehmer der Startgruppe vielleicht so weit sein, selber eigene Gruppen zu gründen und zu leiten.

Ziel ihrer kleinen Akademie ist es, die Kommunikationsfähigkeiten der gebildeten Asylbewerber zu fördern und sie in Kontakt mit Unternehmen zu bringen. Deshalb hat sich Elisabeth Kaiser kürzlich mit einem Rundbrief an Freunde, Bekannte und Geschäftsfreunde gewandt. „Ich wünsche mir Menschen, die einen kleinen Beitrag in Form eines Vortrags und/oder einer Diskussionsrunde leisten. Unternehmen, die Praktika vergeben und sei es im Moment nur ein paar Stunden Hospitanz in Firmen, weil der Deutschunterricht ja parallel läuft oder Firmenführungen. Alles, was das Berufsleben in unserer Region zeigen kann, ist willkommen. Diese Menschen sprechen perfekt Arabisch und Kurdisch, oft auch Türkisch. Das passt doch zu den Exportländern vieler Firmen“, schreibt sie.
Konkret könnte es so aussehen: Eine Firma lässt einen geeigneten Flüchtling ein, zwei Nachmittage im Betrieb mitlaufen, und der lernt nicht nur ganz praktisch, wie deutsche Firmen organisisert sind, sondern schnappt gleichzeitig auch spezielles Vokabular auf, das später für ihren Beruf wichtig ist. Ziel des Unterfangens: Ein Unternehmen bietet im Rahmen eines Praktikums professionellen ambitionierten Sprachunterricht an und wird einen extrem engagierten und loyalen Fachmann erhalten, der bereit ist, sich auf komplizierte Themen zu spezialisieren.

 
Wer sich vorstellen könnte, die Runde mit einem leicht verständlichen Vortrag zu bereichern, wird gebeten, sich direkt mit der Initiatorin in Verbindung zu setzen.
Kontakt: Elisabeth Kaiser