Sonntag, 26. Juni 2016

Ramadan 2016


Ramadan in Baden-Baden

Sinnlichkeit, Spiritualität - und ... Hunger

Es ist Abend. Die Sonne steht tief am Horizont, noch ist sie nicht untergangen - und es wird laut in den Flüchtlingsunterkünften (nicht nur) in Baden-Baden. Vor allen in den Gemeinschaftsküchen. 




Acht, neun junge Männer wuseln herum, der eine pult Granatapfelkerne in eine Schale, der nächste kippt Joghurt und Tahini zusammen, der dritte püriert Kichererbsen, auf dem Herd köcheln Eintopf und Reis, bruzeln Auberginenscheiben in heißem Fett, daneben werden Teigstückchen frittiert, im Ofen backen kleine süße Teilchen in Papiermanschetten. Die Köche sind voll in ihrem Element. Es herrscht eingespielte Teamarbeit. Wer nicht kocht, macht sich anderweitig nützlich, räumt auf, wischt den Boden.



Es riecht im ganzen Haus nach heißem Öl, ja, auch ein bisschen verbrannt, nach Knoblauch und auch ein bisschen nach Apfel, jedenfalls dort, wo gerade fachmännisch die Shisha-Pfeife für nachher gestopft wird. Vor der Küche auf dem Gang werden Wolldecken ausgelegt, Geschirr, Becher und Löffel darauf verteilt. Und draußen, hinter dem Haus, grillt jemand Hähnchenstücke. 




Drinnen: Immer wieder der Gang zum Kalender, der an einer zentralen Stelle aushängt, dann ein nervöser Blick auf die Uhr. Schnell, schnell! Nur noch zehn Minuten bis Sonnenuntergang.



Ah, der Sonnenuntergang! Lang ersehnt in diesen Tagen, wenn die Muslime auf der ganzen Welt den Ramadan begehen, ihren Fastenmonat, der übrigens, da das muslimische Jahr sich nach dem Mond richtet und somit elf Tage kürzer ist, langsam durchs Jahr wandert. Dieses Jahr begann er am 6. Juni und endet am 5. Juli mit dem ersten Tag eines großen, dreitägigen "Zuckerfestes". Mehr Informationen => KLICK

Besonders in Nähe der Flüchtlingsunterkünfte kommen nun auch die deutschen Nachbarn mit der für sie fremden Religion und Tradition in Kontakt. Und die sensiblen Bewohnern der Unterkunft fürchten, dass sie mit ihren Gebräuchen anecken könnten: Vielleicht sind die Leute auf der anderen Straßenseite genervt, weil nun die halbe Nacht hindurch geredet, gesungen, gefeiert wird? Weil man nachts Gerüche wahrnimmt, aber nicht genau weiß, was da drüben eigentlich geschieht...?

Deshalb habe ich mich in diese Woche einmal in ein paar Flüchtlingsunterkünften in der Stadt umgesehen und Fragen gestellt: Ramadan – was ist das? Was macht ihr in dieser Zeit? Wie geht es euch? Warum fastet ihr? So viele Fragen. Und so viele freundliche Gesichter, so viele offene Antworten. Jede Frage darf gestellt werden, alle wollen mithelfen, für ein besseres Miteinander und Verstanden-Werden. Die syrischen Flüchtlinge aus der Schußbachstraße, die ja erst seit Spätherbst in Baden-Baden leben, geben bereitwillig in gutem Deutsch Auskunft über diese Zeit, die ihnen so viel bedeutet.


Schussbachstraße

Gute Laune überall. Obwohl alle Männer Hunger haben. Und Durst. Seit halb vier in der Frühe haben sie nichts mehr zu sich genommen, nicht einen Topfen Wassern, kein Krümelchen Nahrung. Sie haben gebetet und gefastet, sich auf spirituelle Weise Gott näher gefühlt, und - ganz wichtig - so ein Zeichen gesetzt, dass sie nicht Sklave ihrer Bedürfnisse sind. Aber sie haben auch darüber nachgedacht, dass es viele arme Menschen auf der Welt gibt, die ebenfalls nichts zu essen haben - auch nach Sonnenuntergang nicht.



Ach, der Sonnenuntergang! Gleich ist es soweit. Die Bewegungen werden hektischer, der Ton lauter, die Kommandos knapper, es wird gerannt... ein lautes urdeutsches „Achtung“ ertönt aus syrischer Kehle, als der letzte Teller herbeigebracht wird und der Koch sich schnell seinen Weg bahnen will. Dann ist alles bereit. Einer der Freunde steht am Ende des Flurs und beginnt laut zu beten, die anderen sitzen im Kreis am Boden und langen kräftig zu.



Datteln sind der erste Gang, danach gibt es alle Köstlichkeiten Syriens....





Nicht alle feiern in dieser Unterkunft zusammen, manche genießen das Fastenbrechen auch still in ihrem Zimmer, mit dem Zimmergenossen, vielleicht einem Gast. 

Früher, in Syrien, so erklärt mir mein Gastgeber Abdullah Rajeb Almalla, habe sich bei Sonnenuntergang stets die Familie zuhause versammelt, um das Fastenbrechen gemeinsam zu begehen. Urlaubsreisen werden in diesem Monat tunlichst vermieden, weil das nächtliche Zusammensein ihnen wichtig ist. Nach dem üppigen Mahl werde zusammen Fernsehen geschaut, es laufen spezielle leichte Unterhaltungsserien im Ramadan, manche Familien sitzen so die ganze Nacht zusammen, reden, essen, trinken bis zum Morgen, wenn um halb vier die Zeit des leichten Frühstücks gekommen ist. Danach wird geschlafen, oder ganz normal zur Arbeit gegangen.

Hunger? Durst? Abdullah lacht leise. „Man gewöhnt sich daran. Man muss aber aufpassen, sonst hat man wirklich Hunger und Durst.“ Sein Tipp: Nach Sonnenuntergang nicht zu viel essen und alle zehn Minuten ein Glas Wasser trinken, aber nur bis eins Uhr nachts, dann schlafen, und nur ein leichtes Frühstück. „Dann hat man keinen Hunger und keinen Durst.“ Wer sich nicht an solche Regeln halte, der klage allerdings oft über Bauch- und Kopfschmerzen. Aber was ist das schon gegen das gute Gefühl, sich während dieser Zeit auch innerlich zu reinigen.

Ihm macht das Fasten nicht viel aus, er fühlt sich fit, obwohl er natürlich körperliche Anstrengungen wie Sport in dieser Zeit vermeidet.

Hat er ein Problem damit, hier in Deutschland den Andersgläubigen tagsüber beim Essen und Trinken zuzusehen? „Aber nein. Auch in Syrien fastet nur ungefähr die Hälfte der Bevölkerung. Man wird seit der Jugend langsam ans Fasten herangeführt, wir lieben den Ramadan und sind in dieser Zeit auch besonders großzügig den Bedürftigen gegenüber.“

Zum Nachlesen: 25 Fragen (und Antworten) zum Fasten im Ramadan von Silvia Horsch vom Institut für islamische Theologie der Universität Osnabrück => KLICK


Westliche Industriestraße


Dieser Teil wurde aufgeschrieben von Khalil Khalil (mehr über ihn hier => KLICK), dem syrischen Allround-Talent mit seiner unnachahmlich blumenreichen Sprachgewalt:

Der Ramadan spielt eine große Rolle in der Welt der Muslime. Auch in der Westlichen Industriestraße. Feste Zeremonie ist es, 30 Tage lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang (ungefähr von 4.00 bis 21.30) streng zu fasten, also nichts zu essen oder zu trinken. 




Dazwischen schaukeln manche im Garten der Sprache und andere fließen im Fluss der Arbeit, um die Zeit zu verbringen, d.h. sie stehen mit beiden Beinen im Leben, allerdings bewegen sie sich manchmal in Richtung Bett (Nachtmittagsschlaf).



Bevor die Sonne untergeht, bereiten sie das Essen zu, und in dieser Zeit, während sie kochen, stoßen die Aromen des Essenes, die hier multikulti sind, im Kopf zusammen. Solange die Sonne noch nicht untergegangen ist, dürfen sie noch nicht einmal das Essen abschmecken, deswegen schmecke ich oder ein anderer Bewohner, der nicht fastet, ab - oder sie raten, deswegen kann es manchmal zu salzig oder zu scharf sein. Was lustig ist: Als ich in meiner Heimat war, nahm meine Tante mal Zucker anstatt Salz - und hatte süßen Reis... 


 

Wichtig ist im Ramadan das Gefühl, dass man immer etwas Gutes tun muss und seelisch in der Nähe von Gott sein soll!

Im Ramadan ist die ganze Atmosphäre anders, nicht nur im Glauben sondern auch während des Essens. Als wir in Syrien waren, kamen fast in jedem Haus viele verschiedene Typen von Essen auf den Tisch, weil jedes Haus das Selbstgekochte mit den Nachbarn austauschte. Außerdem gibt es im Ramadan auch typische Lebensmittal wie Dattel, Maàrok und Sus. Die kommen sofort in der Kopf jedes Syrers, wenn man vom Ramadan spricht.



Darum fragte ich ein paar Leute: „Warum machst du Ramadan?“

Bnan Khlifeh aus Syrien, dessen Lächeln einen Platz in seinem Gesicht fand, sagte: „Dies ist der Monat, in dem Gott unsere Geduld prüft, es ist auch ein Gebot im Koran, dass man mit dem Fasten gesünder wird.“

Und Assan aus Gambia, der mit mir (Big body) in der Theatergruppe Farbenfroh singt, sagte: „Ich fühle mich wohl, wenn ich Ramadan mache, man muss das machen, denn es bezeichnet im Koran als religiöses Gebot.“

Der 21jährige Ibrahim Almuslim aus Syrien sagt, während Zufriedenheit in seinen Augen strahlt, es sei gut, sich in arme Menschen, die kein Geld haben und die keine Lebensmittel finden können, hineinzuversetzen. „So lernt man geduldig zu sein.“ Das miteinander Fastenbrechen sei ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Aber nun setzen sich die Fastenden um den Tisch herum, bevor der Nachtisch auf dem Tisch steht. Der heutige Nachtisch ist von Kawa Beyram gebacken worden. (Hier das Rezept => KLICK)



Es kommt mir in den Sinn, wie man zwischen Alltag, Arbeit, Schule... usw und dem Fasten abwägen kann, vor allem darf ja nichts den Mund berühren unter gar keinen Umständen, außer man ist Kind, krank oder auf Reisen – in diesem Ausnahmefällen muss man nicht fasten.

Und noch eine Frage : „Ist das Fasten nicht schwer?“

Ibrahim denkt nach, dann sagt er: „Zuerst ist es wirklich schwer, aber Tag für Tag geht es leichter, denn es ist unser Glaube.“



Danke Khalil, für diesen authentischen Bericht!


Vincentiushaus, Stephanienstraße

Gestern stand noch das Vincentiushaus auf der Besuchsliste. Hier ist alles ganz entspannt. Die Syrer, die ich hier antreffe, beeilen sich zwar auch, pünktlich zum Sonnenuntergang mit dem Kochen fertig zu sein, aber sie haben nicht den ganzen Tag gefastet. Den Ramadan zelebrieren sie eher locker. Man sitzt auch nicht großer Gemeinschaft zusammen, sondern kocht in kleinen Gruppen und speist auf den Zimmern.

Leben und leben lassen, glauben und glauben lassen, ist hier die Devise. Alle Nationen und Religionen leben hier friedlich nebeneinander, wird mir versichert. Es ertönen keine lauten Gebetsrufe, wenn die Sonne untergeht, die Gemeinschaftsküchen im Erdgeschoss sind in der Zeit vor Sonnenuntergang verwaist, nur in der kleinen Küche im oberen Stockwerk werkeln ein paar Männer, die sich zwar vom Überraschungsbesuch etwas ungern über die Schulter sehen lassen, dann aber doch gleich herzliche Essenseinladungen aussprechen.




Die eine Einladung kann ich gerade noch mühsam höflich ablehnen, da drückt mir schon der Bewohner eines anderen Zimmers zwei selbstgemachte Pizzastücke in die Hand, die ich aber unbedingt in seinem Beisein vertilgen muss. (Es gibt schlimmere Zwänge.)

Aber ich bin ja hier, um Muhand Khalil auf die Finger zu sehen, während er syrischen Döner zubereitet, für den angebratenes Hähnchenfleisch, Pommes Frites und saure Gurke in Tortillafladen gewickelt und kurz angebraten werden. Sein Geheimtipp: Granatapfelsirup!


 






  
Muhand, 28 Jahre alt, ist in Damaskus geboren, wo er von 2004 bis zum Ausbruch des Krieges 2011 das Schneiderhandwerk erlernt hat. Als seine Heimat nicht mehr bewohnbar war, floh er 2012 in die Türkei, wo er weitere drei Jahre mit Nadel und Faden auf harte Weise in einem zwölf-Stunden-Tag sein Brot verdiente. Dann zog es ihn nach Deutschland, und am 16. November 2015 kam er in Baden-Baden an. 



Seitdem erfreut er die Bewohner des Vincentiushauses und auch die Ehrenamtlichen mit seinen Kochkünsten, die er sich in seiner Zeit in der Türkei - auch mit telefonischer Hilfe seiner Mutter - angeeignet hat. Erst kürzlich hat er zu Beginn des Ramadan für 20 Personen gekocht. 




Aber Nadel und Faden sind ihm natürlich viel näher, und so hätte er am liebsten gleich losgelegt, als im Vincentiushaus eine Nähmaschne landete. Leider, so wurde mir erklärt, dürfe er die Maschine aus Brandschutzgründen nicht bedienen, weil angeblich die Stromleitungen beziehungsweise die Sicherungen im Haus zu schwach seien.

Aber er hat inzwischen sowieso einen anderen Traum: Seit drei Monaten nimmt er an einem Praktikum bei Daimler Benz teil, und nun steht für ihn fest, dass er später einmal diese schönen ledernen Autositze nähen möchte. Fahrzeugsattler nennt man den Beruf, Ausbilldungsplätze sind rar, wenn überhaupt, ist - mit sehr guten Deutschkenntnissen - eine dreijährige Ausbildung im dualen System möglich. Da gilt es nun, ihm fest die Daumen zu drücken, damit sein Traum wahr wird.

Und bis dahin - freuen sich seine Freunde, wenn er für sie den Kochlöffel schwingt und neben den oben erwähnten Dönern auch noch Hähnchen aus dem Ofen auf einem Bett aus Kartoffeln und Tomaten zubereitet. 


 

Da darf dann auch Alaa Samiz nicht fehlen, dessen Geschichte ich bitte auch noch aufschreiben möge, was ich gerne tue. Gerade hat der sympathische, ehrgeizige 19jährige Syrer einen Deutsch-Test mit Bravour absolviert ("Ganz alleine selbst gelernt, schreib das bitte!") und darf im Juli an der Volkshochschule einen Integrations-Sprachkurs für Level B1 beginnen. Darauf ist er sehr stolz.

So jung, wie er ist, hat er ganz konkrete Zukunftspläne: Mechatroniker möchte er mal werden, denn als Barmann und Kellner, wie er sich vor seiner Flucht nach Deutschland in der Türkei durchgeschlagen hat, möchte er nicht enden. Einen Wunsch hat er für das Hier und Jetzt: Er würde gerne wieder wie in der Heimat Karate trainieren.



Und die Autorin? Wird nach all dieser köstlichen Völlerei zur Fastenzeit nun selber ein paar Fastentage einlegen. Unabhängig vom Stand der Sonne.