Sonntag, 21. August 2016

Flüchtlingsgarten


Billy und Malick und der Flüchtlingsgarten


Darf ich vorstellen?

Das ist William Uber, genannt Billy.



Der 58jährige US-Amerikaner wohnt seit 1998 in Baden-Baden, gut und gern, wie man so schön sagt. Doch das wäre noch zu wenig. Sagen wir also lieber: Er lebt hier mit absoluter Leidenschaft. Ein Festspielhaus-Engagement seiner Frau, einer Opernsängerin, verschlug den selbständigen Seminarleiter in unsere Gefilde, und seitdem ist er von Land und Leuten restlos begeistert. Vor allem der Schwarzwald hat es ihm angetan. Und so ist es nur folgerichtig, dass er seit kurzem Ortsvorsitzender im Schwarzwaldverein ist. Was er nicht kann? Gärtnern.

Und hier kommt Malick Jagana in Spiel.


Hier auf Besuch bei Stadtrat Michael Bollinger, wo er vor allem über die vielen Blumen in deutschen Gärten staunte

Der 31jährige Gambier lebt seit diesem Frühjahr in Baden-Baden, auf dem Waldseeplatz. Er ist Bauer durch und durch, hat eine gute Schulausbildung genossen, spricht sechs Sprachen fließend (und die siebte, Deutsch, hoffentlich auch bald, falls er im Herbst über die Warteliste in einen VHS-Kurs rutschen kann). 
 
Was macht ein Mann aus Westafrika, der aus einer Familie stammt, die seit Generationen Setzlinge und Samen in die Erde steckte und zum Wachsen brachte? Was macht jemand, der sich nichts anderes vorstellen kann, als in der Erde zu wühlen, der nicht nur aus Berufung oder Leidenschaft Bauer ist, sondern dem das Gärtnern über Generationen in Fleisch und Blut übergegangen ist – und der nach abenteuerlicher Flucht aus seiner Heimat Gambia schließlich in Baden-Baden gelandet ist? Auf dem Waldseeplatz, umgeben von Wald und unbeackerten Ödflächen? Er träumt davon, Gemüse anzubauen. Auf einem kleinen Fleckchen nur, karg genug ist die Erde am Waldseeplatz ja, und wahrscheinlich wird es auf dieser ehemaligen Schutthalde auch nicht unbedingt Bio-Qualität geben.

Gemach! Erzählen wir die Geschichte der Reihe nach.

Kann das wirklich Zufall sein?

Es war Donnerstag, der 25. Februar. Über irgendeinen Mailverteiler hatte Billy Uber erfahren, dass an diesem Nachmittag für die frisch auf dem Waldseeplatz eingetroffenen Flüchtlinge das erste Zusammentreffen und Kennenlernen mit ehrenamtlichen Helfern stattfinden sollte. „Warum nicht?“, dachte sich Billy Uber und nahm an dem Treffen teil.




Zunächst standen die Neu-Baden-Badener noch etwas hilflos vor den freundlichen Alt-Eingesessenen, aber bei Kaffee und Kuchen und mit einem Lächeln löste sich schnell die Spannung, und erste Gespräche kamen in Gang. „Wie heißt du, woher kommst du, was bist du von Beruf?“, - mit solchen Fragen – und Antworten – werden schnell Bekanntschaften geknüpft.




Durch puren Zufall saßen an jenem Nachmittag Malick mit drei weiteren Landsleuten, die ebenfalls Bauern waren, und Billy Uber an einem Tisch. Die Konversation mit den Gambiern fiel dem US-Amerikaner leicht, denn Englisch ist die Amtssprache in dem kleinen westafrikanischen Land. Schnell fand Billy Uber heraus, was Malick am meisten fehlte: Ein Stückchen Land zum Beackern.

Und wie das bei Ehrenamtlichen so geht – Billy Uber fing Feuer und machte sich daran, das Projekt „Flüchtlings-Garten“ auf den Weg zu bringen. Womit fängt man an? Mit der Frage: Was würdet ihr denn am liebsten anbauen?

Die Antwort hätte komplizierter nicht sein können: „Okra“, hieß es unisono. Okraschoten werden in Gambia gerne zusammen mit Reis gegessen, aber hierzulande sind sie nur schwer zu finden. Uber wurde schließlich im Internet fündig und bestellte ein paar Samen. Aber wohin damit?

Einfach eine Parzelle abstecken und zu Gartengelände zu erklären, erwies sich auf städtischem Grundstück nicht so einfach wie gedacht. Denn hier gelten andere Regeln, Sicherheit geht vor. Und das bedeutete in diesem Fall: Das ausgesuchte Fleckchen Erde fiel unter die strengen Brandschutzvorschriften, denn es hätte der Feuerwehr als Zufahrt dienen können, falls sie im Falle aller Fälle aus dem Wald kommend die rückwärtigen Gebäude des Flüchtlingsareals anfahren müsste.

Also „aus der Traum“? Billy Uber ließ sich nicht unterkriegen und brachte kurzerhand alle möglichen Eimer, Töpfe und Mörtelkübel an, um den verhinderten Landwirten zumindest einen kleinen mobilen Garten zu ermöglichen. 





 
Dann nahm er seine Bauern mit zu einem Pferdehof, wo sie sich nach Herzenslust mit Pferdemist bedienen konnten. Da lachte das Gärtnerherz, denn Pferdeäpfel sind der beste natürliche Dünger, den man sich nur vorstellen kann. 


 

Aber ach – was nützte es schon... Wie will man Okras, Zucchini, Gurken, Erbsen oder Tomaten in viel zu kleinen Behältnissen und in praller Sonne zum Aufblühen bringen? Geduldig schleppte Malick zwar fortan das Wasser mit der alten Gießkanne heran, manche Pflanzen aber kümmerten, egal, wie sehr sich Malick auch in die Pflege seines Topfgartens verbiss. So mühsam hatte er sich das Gärtnern in Deutschland nicht vorgestellt.




Dass es in Deutschland auch anders gehen kann, erfuhren die Landwirte vom Waldseeplatz diese Woche. Da machte der unermüdliche Billy Uber mit acht von ihnen einen Ausflug auf den Bauernhof Serrer in Renchen-Ulm, der regelmäßig einen Marktstand auf dem Bernhardusplatz betreibt und die Gruppe auf Anfrage Ubers spontan zu einer Betriebsbesichtigung eingeladen hatte.

Das war schon etwas anderes! 





Gärtnern in Deutschland untrscheidet sich grundlegend vom Ackern in  Gambia, das lernten die Männer an diesem Nachmittag: In Gambia gibt es weder Gewächshäuser noch Unkrautfolien, und als Dünger gibt es auch nur Rinder- oder Eselsdung, keinen Kompost. Das Bearbeiten des Bodens geschieht wie vor Jahrhunderten mit Hilfe von Ochs, Esel und Pferd. Und dann ist da die Sache mit dem Wasser. Es gibt kein Bewässerungssystem, Grundwasser liegt in hundert Metern Tiefe. Man kann sich einzig auf das Wasser verlassen, das vom Himmel fällt. Vier Monate dauert die Regensaison, in dieser Zeit grünt und blüht alles verschwenderisch und muss anschließend sorgfältig für die kommenden acht mageren Monate konserviert werden. Die Regenzeit ist natürlich auch die große Zeit für Okras.

Ach ja - die Okras!




Mittlerweile gab es auf dem Waldseeplatz gute Nachrichten: Bei einer Ortsbegehung machten ehrenamtliche Helfer die Stadtverwaltung auf das Topfgarten-Dilemma aufmerksam, und diese erklärte sich bereit, Billy Uber und seine Männer ganz unbürokratisch zu unterstützen: Man legte - fernab von möglichen Anfahrtswegen von Löschfahrzeugen - einen neuen Standort für den Garten fest und ließ ganz über Forstamt und Umweltamt Baumstämme für die Umrandung und Erde für das Beet herbeischaffen.




Vorgestern, Freitag, kam der große Augenblick: Die jungen Okra-Setzlinge kamen in die Erde...




Was jetzt noch fehlt, wären vielleicht ein paar große stabile Gießkannen...


Nachtrag: ... aber wie das so geht in Baden-Baden: Stunden, nachdem das Problem publik wurde, hatte Malick zwei neue Gießkannen. Danke! 

Ende der Geschichte?

Nicht ganz. Billy Uber steckt schon mittendrin in einem neuen Projekt für seine Waldseeler - und gleich wieder in neuen Problemen. Es geht um Arbeit im Wald, Zeckenschutz und … Fortsetzung folgt, ganz bestimmt. 


 

Wenn es Sie interessiert, was junge Männer dazu treibt, ihre afrikanische Heimat zu verlassen: Am Montag, 26. September, um 19 Uhr in der Stadtbibliothek erklärt Christian Kühnel (amnesty international) im Rahmen der interkulturellen Woche, warum Menschen aus Gambia, Nigeria, Kamerun und Eritrea fliehen. Der Eintritt ist frei.

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