Sonntag, 13. November 2016

WI - Malen


Die Westliche Industriestraße wird bunter

Ein typischer Sonntagnachmittag im November: Draußen ist es nass und grau und kalt. Drinnen, in der Flüchtlingsunterkunft in der Westlichen Industriestraße, herrscht dennoch gute Stimmung. Man kennt sich noch nicht sehr gut, denn in den letzten Tagen und Wochen haben viele Asylbewerber im Stadtgebiet ihre gewohnten Unterkünfte verlassen und neue Zimmer an anderen Standorten beziehen müssen - und sind klaglos, wenn auch nicht immer freudestrahlend, hier gelandet und müssen sich erst einmal zurechtfinden. Ein Herausforderung auch für die ehrenamtlichen Helfer. Gemeinschaften, die sich über die letzten Monate gebildet hatten, wurden auseinandergerissen, neue Gruppen haben noch nicht gut zusammengefunden. Aber man geht freundlich und höflich miteinander um. 
 
Außerdem ändert sich außer am Wohnumfeld nicht viel für sie, Sprachkurse und Arbeitsplätze bleiben ja erhalten, also sind alle mit ihren gewohnten Tätigkeiten beschäftigt. Nur die Sonntage sind etwas langweilig. In den Gemeinschaftsküchen wird immer irgendetwas gekocht, viele Bewohner sind auf ihren Zimmern und lernen oder sehen im Fernseher verstörende Nachrichten vom Krieg in der Heimat. Wieder andere haben ihre Lieblingsmusik für deutschen Mittagsruhe-Geschmack etwas zu laut aufgedreht. Aber man lernt in großen Gemeinschaftsunterkünften zwangsläufig, tolerant zu sein.

Wir malen heute, habt ihr Lust mitzumachen?“ Freundlich spricht Silke Heimann, die Koordinatorin des ehrenamtlichen Helferkreises der Unterkunft, ein paar Männer und Frauen an, und die lächeln freundlich zurück. Manche verschwinden mit einer höflichen Ausrede, andere kommen zögernd näher, aber so ganz geheuer ist es ihnen nicht; sie wissen nicht so recht, was sie erwartet.

Oder wer.

Monika Becker ist heute da. Sie ist selber Malerin und hat sich vorgenommen, Interessierten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. 
Hier geht es zu meinem Beitrag über sie => KLICK


Monika Becker in ihrem Atelier


Farben gibt es noch von der großen Kunstaktion im September, als in Kooperation mit der Staatlichen Kunsthalle vor dem Haus ein großes Stück Stoff bemalt wurde. => KLICK




Silke Heimann hat alles mitgebracht, auch frische Pinsel und natürlich ganz viele Zeitungen zum Abdecken der Tische.

Aber erst mal gucken sich die Ehrenamtlichen ratlos an. Wird überhaupt jemand kommen? War das am Ende eine Schnapsidee?

Irgendwann trauen sich die ersten, ein, zwei, dann drei... Immer noch sind die Ehrenamtlichen in der Überzahl. Aber schon eine halbe Stunde später ist die Bude voll.

Foto: Monika Becker





Foto: Monika Becker


Andächtige Begeisterung hängt in der Luft, farbenprächtige Werke entstehen, nachdem klar ist, dass diesmal für das eigene Bedürfnis gemalt werden soll. Die Bilder werden die eigenen Zimmer verzieren! 

Foto: Monika Becker

Aber andere schaffen es auch an die Wand des Aufenthaltsraums. 

Foto: Monika Becker


Super Stimmung. Super Ergebnis. Am Ende sind sich alle einig: Das wird wiederholt! 

Nächstes Jahr aber erst, denn im Dezember steht eine wesentlich größere Farbaktion ins Haus: Da sollen – mit Erlaubnis der Verantwortlichen in der Verwaltung – in den einzelnen Etagen die mittlerweile arg ramponierten Wände der Flure mit hellen, fröhlichen Farben gestrichen werden. Dies soll eine Gemeinschaftsaktion von Ehrenamtlichen und Bewohnern sein, und Silke Heimann ist sich im Klaren darüber, dass die Sache ein paar freie Samstage kosten wird. 

Als erstes werden nun Farbtafeln verteilt, damit die Bewohner demokratisch abstimmen können, welche Farbe für „ihre“ Etage gewählt werden soll. Danach geht es ans Werk: Die Ehrenamtlichen werden beim Abkleben der Wände (Türen und Lichtschalter) und Abdecken der Böden helfen, dann sollen die Bewohner selber den Pinsel schwingen dürfen und so ihren eigenen Beitrag leisten, damit sie sich in „ihrer“ Unterkunft etwas wohler fühlen. 

Wenn alles fertig ist, werden die Bilder, die bei der großen Sommer-Kunstaktion auf dem Rasen vor der Unterkunft gemalt und später zerschnitten und gerahmt wurden, aufgehängt. 


Foto: Silke Heimann
 
Und am Ende soll alles schön und bunt sein, denn das ist ja das Motto des neu gegründeten Freundeskreises: Die Westliche Industriestraße soll bunter werden.

Wenn Sie im Freundeskreis mithelfen wollen, freut sich Silke Heimann über eine kurze Nachricht.