Sonntag, 27. November 2016

W.I. - Streichaktion


Grün und blau - unsere Unterkunft soll schöner werden

Samstagmorgen, 10.30 Uhr. Still ruht die Unterkunft in der Westlichen Industriestraße. Die ersten Ehrenamtlichen vom Freundeskreis trudeln ein, laden ihre Autos aus. Frühstücksteilchen, 15 Liter Suppe für das Mittagessen, Obst; es wird ein langer Tag werden. Ein skeptischer Blick zu den geschlossenen Rollläden. Vermutlich werden wir in der ersten Stunde alleine sein? Macht nichts.

Das Ziel ist ja ein langfristiges: „Die Westliche Industriestraße soll bunter werden und zusammenwachsen“. Das ist das Motto des Jahres, und allen widrigen Umständen zum Trotz wird es hartnäckig verfolgt. Daran ändern auch überraschende Wechsel oder Vakanzen bei den Sozialarbeitern und Hauruck-Umsiedlungen der Bewohner nichts, auch wenn dies zu Spannungen zwischen Ehrenamt und Verwaltung führt und manchmal – übrigens stadtweit! - mutlos und wütend macht.

Aber das kann ja nicht auf dem Rücken der Unschuldigen, der Flüchtlinge, ausgetragen werden! Also machen wir alle weiter. Auch in der Westlichen Industriestraße, deren angeknackster Ruf aufpoliert werden soll. Unbeirrt, Stück für Stück, Etappe für Etappe, kommt der Freundeskreis seinem Ziel ein bisschen näher, und alle machen begeistert mit: Vor der Sommerpause wurden von den damaligen Bewohnern bunte Einladungen gebastelt...




nach den Sommerferien gab es eine Kunstaktion, bei der eine lange Stoffbahn bemalt wurde...




danach traf man sich, um den Stoff zu zerschneiden und als einzelne Bilder auf Rahmen zu spannen...



Dieses Wochenende nun stand der nächste Arbeitsschritt auf dem Programm: Das gemeinsame Streichen der Flure, deren Wände in den vergangenen zwei Jahren arg strapaziert worden waren. Kein Wunder: An die 200 Menschen, zum großen Teil alleinstehende Männer, waren hier zu Spitzenzeiten zusammengedrängt worden, jeweils drei Erwachsene in gerade mal 14 Quadratmeter kleinen Zimmern, es herrschte drangvolle Enge, hinzu kommen immer wieder Umverlegungen und massenhafte Aus- und Einzüge, wenn die Stadtverwaltung die Menschen von einer Unterkunft in andere verlegt.

Entsprechend sehen die Wände in den Fluren aus.




Aber es gibt ja nichts, was nicht geändert werden kann!
Listen mit Farbvorschlägen wurden ausgehängt, und ganz demokratisch wurde etagenweise über die Farbgebung abgestimmt – hellgrün, hellblau und orange standen zur Auswahl.

Endlich geht es los:

Mit Unterstützung der Stadt, die die Materialien stellte, krempelt bereits am Freitag eine kleine Vorhut die Ärmel hoch und macht sich an die nötigen Vorarbeiten: das Abkleben von Türrahmen und Sockelleisten. Die Bewohner machen mit Feuereifer mit – nationenübergreifend, etagenübergreifend, gut gelaunt. Aufbruchstimmung!




Nach über drei Stunden ist das meiste geschafft, und die Ehrenamtlichen ziehen sich etwas groggy in den verdienten Feierabend zurück. Nicht so die Bewohner!

Am nächsten Morgen Überraschung: Die Jungs haben sich in der Nacht wie die Heinzelmännchen ans Werk gemacht, haben irgendwo einen Eimer weißer Farbe aufgetrieben, und im zweiten Stock bereits die Hälfte des Flures gestrichen. Was die korrekten deutschen Helfer erst einmal etwas aus der Fassung bringt, soll diese Etage doch eigentlich ein hellblaues Kleid bekommen. Aber was soll's – in der Flüchtlingshilfe leben wir von Überraschungen und spontanen Überlegungen.

Aber erst mal der erste Stock. Hellgrün soll er werden. Eine echte Mammutaufgabe, und ein Flur, der einfach nicht enden wollte. Die Men-Power lässt sich zum Glück - je nach Aufwachzeit der Bewohner - beliebig vermehren, und nach drei Stunden ist es geschafft!



Pause. Verhungern muss niemand, und die Lebensgeister regen sich bald wieder.




Zweiter Stock, dank der nächtlichen Überraschung nur halblang. Und noch eine Überraschung, als der erste Farbeimer geöffnet wird. Hellblau war bestellt worden, ein kräftiges Türkis war geliefert worden. Leichter deutscher Skepsis folgt afrikanische Begeisterung. Die Pinsel wurden uns aus der Hand gerissen, binnen 90 Minuten ist das Werk vollbracht, die Jungs arbeiten sich regelrecht in einen Flow, und auch das anschließende Saubermachen ist kein Problem, man nimmt den Ehrenamtlichen wortlos den Putzlappen aus der Hand.











Und zum Schluss tiefe Zufriedenheit bei allen. „Schön“, sagt ein Bär von einem Mann und lächelt. Ein anderer schiebt nach „Schöner wohnen, nur für uns.“ Und dann umringen sie uns: Danke – danke – danke.




Unser Lohn! Was gibt es Schöneres? Man gibt viel im Ehrenamt – aber man bekommt es doppelt und dreifach zurück!

Nächste Woche geht es weiter. Wir freuen uns darauf.