Mittwoch, 21. Juni 2017

Rede Christian Kühnel


Christian Kühnel: Die Arbeit muss weitergehen

Deutliche Worte fand Christian Kühnel vom Arbeitskreis Asyl, der beim Ehrenamtsfest der Stadt Baden-Baden für seine langjährige Asylarbeit geehrt wurde. 


 

Hier seine Rede im Wortlaut:

Als der AK-Asyl 1991 als gemeinnütziger Verein gegründet wurde, hatte wohl keines der Gründungsmitglieder gedacht, dass er 26 Jahre später immer noch besteht und gebraucht wird.
Bei seiner Gründung war er ein wahrhaft „integrativer“ Verein, versammelten sich in ihm doch unterschiedlichste Vertreter der Baden-Badener Gesellschaft – hauptamtliche und ehrenamtliche, aus Wohlfahrtsverbänden (DRK, Caritas), Kirche, Stadtverwaltung (Sozialamt Frau Steeb), Amnesty International und ganz „normale“ Bürger.

Und es war dieZeit – kurz nach der Wiedervereinigung – als die Asylheime und Ausländerwohnungen brannten – in Solingen, Rostock und anderswo – die Zeit der „Runden Tische“ und Notruf-Telefonketten. Schon längst gab's in Baden-Baden auch „Asylanten“, damals kamen sie noch aus Polen, der CSSR, dem Iran, aus Äthiopien/Eritrea und der Türkei, dann aus Jugoslawien, das im Bürgerkrieg versank, und aus Albanien, das ausblutete. Es kamen Flüchtlinge aus dem krisengeschüttelten Somalia des Siad Barre, dem Libanon, Algerien, den Diktaturen von Togo, Nigeria, Guinea und Zaire hinzu.

Gewohnt wurde in Baden-Baden anfangs im jetzigen Dostojewskij-Haus in der Steinstraße, am Annaberg und in den Baracken bei der Feuerwehr (heute Arvato-Gelände), später im Briegelacker, der Nato-Flugschule und der Funkstation im Heitzenacker.

Entsprechend der Krisenherde in der Welt stieg die Flüchtlingszahl in Baden-Baden, und somit auch der dringende Handlungsbedarf bei der Betreuung und Beratung im schwieriger und undurchsichtiger werdenden Paragrafen-Dschungel der Asylgesetzgebung.

Auch damals schon war offensichtlich, dass ein breites Aktionsbündnis aller Gesellschaftsschichten bei der Bewältigung der vielfältigen Aufgaben im Flüchtlingsbereich nötig war. Aber leider lief es nicht so einfach ab wie seit 2014 bis heute: Die Politik von Bund bis Kommune war aus ABWEHR gepolt. Gesetze wurden wiederholt verschärft, Abschreckungsmaßnahmen beschlossen.

Wir als kleiner „Ortsgruppenverein“ sahen und mit der geballten Macht der politischen Amtsträger konfrontiert, wenn wir versuchten, die Interessen der Flüchtlinge zu vertreten und mögliche Verbesserungen zu erreichen.

Gemeinsamer Nenner? Fehlanzeige! Trauriger Höhepunkt war dann 1993 die Grundgesetzänderung mit der damit einhergehenden Verschlimmerung der Situation für die Flüchtlinge. Und Baden-Baden führte als eine der ersten Gemeinden in Baden-Württemberg – quasi in vorauseilendem Gehorsam – das Sachleistungsprinzip ein, d.h. Essenspakete, Kleidergeld und minimales Taschengeld.

Unsere Gesprächsversuche mit der Stadtverwaltung wurden letztendlich mit einer Klageandrohung durch den damaligen OB Wendt gegen den AK-Asyl vorläufig beendet.

Leider stießen unsere damaligen Proteste und öffentlichen Aktionen bei weitem nicht auf ähnlich offene Ohren wie jetzt in den Jahren ab 2012 – das das bei doch ständig sinkender Flüchtlingszahl von 450 (1993) auf ca. 80 (2010).

Was wir damit auch ausdrücken wollen: Eine Ehrung der langjährigen Vorstände des AK-Asyl wie diese hier, wäre bis vor nicht allzu langer Zeit nicht denkbar gewesen.

Bedauerlicherweise hat die aufreibende ehrenamtliche Arbeit mit und für Flüchtlinge auch viele personelle Opfer gefordert – einige Betreuer/innen mussten aufgeben, aus gesundheitlichen, psychischen aber auch familiären Gründen.

So sind letztendlich wir, Sibylle Loeben – meine Ehefrau seit 2008 – und ich die einzigen aktiven Fossile aus der Gründerzeit – ein paar Altmitglieder halten sich noch auf der Mitgliederliste.

Dass wir es so lange ausgehalten haben ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass wir früh erkannt haben, wie wichtig bei dieser Arbeit eine „professionelle Distanz“ zu den Klienten ist. Und natürlich auch der Tatsache, dass wir ja auch Erfolge verzeichnen, immer wieder – im Großen (Anerkennung, Familienzusammenführung...) wie im Kleinen (Arbeit, Wohnung...). Dazu kommen die teilweise inzwischen generationslangen Freundschaften – unter Helfern, Mitstreitern und Flüchtlingen.

Die „Lust“ am Erfolg macht den „Frust“ der doch häufigen Misserfolge mehr als etwas wett.

Wir sind froh, dass wir dem öfter mal aufkeimenden Gedanken (etwas in der Zeit zwischen 2007 und 2011), den Verein aufzulösen, nicht nachgegeben haben. Nicht dass wir uns darüber freuen, dass wieder mehr Flüchtlinge in Baden-Baden sind, wir also wieder mehr gebraucht werden. Aber unsere Kontinuität hat sicher auch dazu beigetragen, dass das ehrenamtliche Engagement ab 2014 auf so breiter Basis in Baden-Baden durchgestartet ist.

Und wir sind glücklich, dass es gelungen ist, die Vereinsgeschickte an neue Vorstände weiterzugeben, die nach enormer Stärkung der Mitgliedschaft und der kooperativen Ausrichtung der Flüchtlingsbetreuung durch Verantwortliche und Ehrenamtliche hoffentlich einen etwas leichteren Stand haben und haben werden.

Dass die Arbeit weitergehen muss, ist offensichtlich: Nach UNHCR von gestern (19. Juni 2017) ist die weltweite Flüchtlingszahl so hoch wie nie, nämlich fast 67 Millionen. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Afghanistan und dem Süd-Sudan. Dabei hat das Nachbarland Uganda im Jahr 2016 mehr als 900 000 Flüchtlinge aus Süd-Sudan aufgenommen, mehr als die gesamte EU in der selben Zeit.

Angesichts dieser Zahlen befindet sich Europa – und auch Deutschland, auch wenn es den Großteil der Flüchtlinge der letzten Jahre aufgenommen hat – immer noch im „Tal der Glückseligen“. Die Flüchtenden aus Kriegs-, Krisen-, Hunger- , Katastrophen- und Unrechtsregionen werden sich auf Dauer auch durch Europas Hürden nicht aufhalten lassen. Und die Geflüchteten brauchen auch uns, als kleine Helferlein im Dschungel des Neuen und als Regulativ und Kontrolle des Verwaltungsapparats.

Dass wir dafür geehrt werden zeigt, dass auch bei den politischen Amtsträgern ein Sinneswandel stattgefunden hat. Dafür bedanken wir uns. 







Mehr, auch über die private Seite von Sibylle Loeben und Christian Kühnel, lesen Sie hier => KLICK




Die beiden sind zwar im letzten Jahr aus dem Raum Baden-Baden weggezogen, bleiben aber weiterhin im Arbeitskreis Asyl Baden-Baden aktiv.