Montag, 27. Juli 2020

Ibrahim Almuslim


Ibrahim Almuslim erreicht sein Ziel:

Mit Fleiß, Disziplin und Ausdauer zum Abitur


Geschafft! Überglücklich und stolz konnte Ibrahim Almuslim am Samstag, 25. Juli 2020, sein Abiturzeugnis in Empfang nehmen. Notendurchschnitt 2,0 – das muss ihm erst einmal jemand nachmachen. Denn sein Weg war alles andere als geradlinig.

Überglücklich bei der Zeugnisübergabe, coronabedingt im Autokino Haueneberstein


Vor sieben Jahren war der junge Kurde aus Afrin, Syrien, schon einmal fast soweit gewesen, aber gerade als er seine Abiturprüfung in Aleppo ablegen sollte, hatte der Bürgerkrieg seine Gegend erreicht, und der Bombenhagel machte einen schulischen Abschluss unmöglich.

Ibrahim, gerade mal 18 Jahre alt, musste fliehen und erreichte schließlich im Dezember 2015 Baden-Baden. Hier begann er unverzüglich und zunächst unbemerkt, sich mit Youtube-Videos Deutsch beizubringen. Irgendwann erschien er, von Mitbewohnern ermuntert, bei den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern und bat in astreinem Deutsch um Unterstützung, damit er möglichst schnell Volkshochschulkurse besuchen und die erforderlichen Zertifikate ablegen könne.

Schnell war klar, dass der strebsame, geduldige junge Mann für seine Zukunft in Deutschland nicht nur Deutsch-Kurse brauchte, sondern auch einen Schulabschluss. Er setzte die Latte hoch: ein Deutsches Abitur, denn nur damit kann man studieren, und das war sein Ziel.

Bürokratische Hürden standen dem Wunsch des damals 21jährigen allerdings im Weg. Doch dann erfuhr das Pädagogium in Baden-Baden von seinem Schicksal, und der Direktor der beruflichen Gymnasien, Andreas Büchler, beschloss, den jungen Mann zu fördern. Zunächst vermittelte er zwei pensionierte Lehrkräfte, die Ibrahim regelmäßig ehrenamtlich in Deutsch und Englisch unterrichteten. Ibrahim lernte mit Begeisterung – übrigens zusätzlich zum Integrationskurs an der Volkshochschule und weiteren freiwilligen VHS-Kursen in Deutsch und Englisch. Mit anderen Worten: Er lernte Tag und Nacht.
Und so schaffte er ein Jahr später die Aufnahmeprüfung und startete dank eines Stipendiums ins Schulleben am Wirtschaftsgymnasium, wo er sich anfangs als 22jähriger unter seinen wesentlichen jüngeren Mitschülern manchmal etwas fehl am Platze fühlte. Und wieder hieß es, lernen, lernen, lernen.

Schon das Kernfach Wirtschaft hatte einen eigenen Wortschatz, und zu allem Überfluss war auch noch eine weitere Fremdsprache Pflicht: Spanisch. Doch was zunächst als Riesenproblem aussah, entpuppte sich als Glücksfall. „Sprachen sind mein Hobby“, erkannte Ibrahim und lernte mit Feuereifer die neue Sprache, die sogar in gewissen Teilen dem Arabischen ähnelte. Von Anfang an gab es für ihn nur Bestnoten.

Auch das komplett andersartige Schulsystem in Deutschland machte ihm zu schaffen. Hatte man in seiner Heimat mehr Wert darauf gelegt, dass die Schüler den Stoff auswendig lernten, war hier kombinieren, diskutieren, erklären gefordert. Und dann das Fach Deutsch: Als erstes mussten Barockgedichte interpretiert werden, dann wurde Nathan der Weise gelesen und besprochen. Die altertümliche Sprache war eine weitere Herausforderung für jemanden, der noch nicht so ganz sattelfest im Deutschen war. Aber Ibrahim fand Gefallen an der Literatur, "Steppenwolf", "Das Parfüm", "Der goldne Topf", "Faust I" - mit jeder Lektüre wuchs seine Freude an guten Büchern. Inzwischen liest er sich freiwillig durch die Weltliteratur, kein Werk ist ihm zu kompliziert oder zu dick, wenn er nur mehr Zeit hätte.

Denn immer stand das Lernen für die Schule im Vordergrund. Corona, wenige Wochen vor der Abiprüfung, war für ihn persönlich nach seiner Erfahrung mit dem Krieg eine ganz besondere Herausforderung. „Werde ich jemals ein Abiturzeugnis bekommen?“, fragte er sich bestürzt, als noch nicht sicher war, wie es in der Schule weitergehen würde. Aber dann sah er die Zwangspause vom Präsenzunterricht sehr schnell als einmalige Chance, Lücken zu schließen, Dinge zu wiederholen, sich auf die Prüfung vorzubereiten.

Mit Erfolg! Durchschnitt 2,0. Drittbester in seiner Klasse. Und damit nicht genug: Das Pädagogium bedachte ihn mit einem Buchpreis für besondere Leistungen, und der Rotary-Club Baden-Baden-Merkur verlieh ihm den Friedrich-Gantner-Sprachpreis für besondere Leistungen in Englisch und Spanisch.



Wie geht es nun weiter? Freizeit wird auch weiterhin ein Fremdwort für den strebsamen jungen Mann sein, der sich übrigens ehrenamtlich im Technischen Hilfswerk engagiert. Fast nahtlos an die Schulzeit beginnt demnächst ein Vorpraktikum bei dem Unternehmen ARKU, danach möchte er an der Hochschule Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen studieren – und freut sich, dass er dort auch sein Spanisch weiter verbessern kann. Denn der nächste Traum steht schon fest: Ein Auslandssemester in Argentinien.