Mittwoch, 23. Dezember 2015

Asylbewerber in Baden-Baden



Bald 800 Asylbewerber in Baden-Baden

Ende November lebten in Baden-Baden 634 Asylbewerber, bis Ende des Jahres werden es 770 sein, und im Laufe des nächsten Jahres werde diese Zahl vermutlich auf rund 2000 steigen. Das berichtete Bürgermeister Michael Geggus in der Gemeinderatssitzung am Montag.

Im Augenblick erhalten 550 der Flüchtlinge Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz, 32 fallen in ein Sonderkontingent, 41 beziehen Hartz-IV-Leistungen und immerhin elf sind bereits voll berufstätig und erhalten keine Unterstützung mehr.

Nachdem die Belegung im Vincentiushaus aufgestockt werden konnte und das Hotel Abarin ebenfalls voll ist, wird noch im Dezember damit beginnen, die Flüchtlinge im Schwesternwohnheim in Balg unterzubringen, danach folgt die Belegung des Hotels Adler in Oos.

Ende November wurden 108 Flüchtlingskinder und -Jugendliche an Baden-Badener Schulen unterrichtet, davon 88 Schüler und Schülerinnen in speziellen Vorbereitungsklassen, vornehmlich in der Louis-Lepoix-Schule. Sechs Kinder haben einen Kita-Platz gefunden, drei werden von Tagesmüttern betreut.

Da sich per Gesetz die Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen geändert hat und diese nun ebenfalls auf die Gemeinden verteilt werden, wird das Jugendamt Baden-Baden im Dezember wahrscheinlich 30 junge Menschen in Obhut nehmen, Tendenz steigend. Daher bestehe auch auf diesem Gebiet „ein dringender Raum- und Personalbedarf“. Was Geggus konkret darunter versteht, will er dem Jugendhilfeausschuss am 27.Januar mitteilen.

Um die Asylbewerber kümmern sich im Augenblick vier Sozialarbeiter, berichtete Geggus, drei weitere würden im Januar eingestellt. Es sei kein Problem, kompetente Sozialarbeiter zu finden, daher lehne er es ab, auf Quereinsteiger aus der Praxis zurückzugreifen, also beispielsweise Bewerbungen aus dem Kreis der ehrenamtlichen Helfer zu berücksichtigen. Ehren- und Hauptamt solle nicht durchmischt werden, stellte er klar.

Er erläuterte auch einen gewissen Umbau in der Rathaus-Organisation: So soll im Fachgebiet „Soziale Leistungen“ ein neues Sachgebiet „Asyl“ aufgebaut werden. Die Leitung des Sachgebiets sei ausgeschrieben, die drei Teamleitungen (Sozialarbeit, Gebäude- und Unterbringungsmanagement) bereits intern besetzt. Namen nannte er nicht.

Oberbürgermeisterin Mergen ergänzte in ihrer Rede zum Haushalt, dass von in den nächsten beiden Jahren 96 neu zu schaffenden Stellen 71 auf den Bereich Asyl entfallen werden. Ein Großteil umfasse die direkte Flüchtlingsunterbringung, also Hausmeister, Sozialarbeiter sowie Mitarbeiter für die Unterbringung und Auszahlung wirtschaftlicher Leistungen. Auch in der Ausländerbehörde, die für die Staatsangehörigkeit zuständig ist, werde eine weitere Stelle geschaffen. Außerdem werde 2016 - sie sagte nicht, in welchem Monat - eine Stelle für einen generellen Koordinator des Ehrenamtes geschaffen. Diese Stelle solle eine zentrale Anlaufstelle für alle Vereine, bürgerschaftlichen Vereinigungen und Privatpersonen sein.





Anmerkung:

So ist das also: Fast 800 Asylbewerber leben derzeit in den Unterkünften in Baden-Baden, und um sie kümmern sich gerade mal vier Sozialarbeiter. Eigentlich sollte der Schlüssel 1 zu 100 sein, so jedenfalls wurde es immer wieder seitens der Stadtverwaltung versprochen.
Die Realität sieht leider anders aus. In der Westlichen Industriestraße sind derzeit 200 Menschen untergebracht, aber es gibt nur eine Sozialarbeiterin, die darüberhinaus an einem anderen Standort eingesetzt ist und daher nur Notsprechstunden anbieten kann. Seit Sommer übrigens! Ein Wunder, dass die Situation dort nicht eskaliert. Zu verdanken ist das hauptsächlich Ehrenamtlichen, die Tag und Nacht (!) zur Stelle sind, ebenso wie einer Handvoll Asylbewerber, die ebenfalls am Rand ihrer Kapazitäten für Ruhe sorgen. Die Leute haben drängende Fragen, die nicht oder nur spärlich beantwortet werden - dazu die ohnehin ungewisse Situation ihrer Asylverfahren. Ein Pulverfass.

Kommen bei den Sozialarbeiterinnen Krankheit oder Urlaub dazu, sind – wie letzte Woche geschehen – Neuankömmlinge in einer neuen Unterkunft sich selbst überlassen. Was das bedeutet, kann man sich ausmalen. Da geraten auch die gutwilligsten Ehrenamtlichen – zumal vor den Feiertagen - außer Atem. 

Nun wird also verkündet, es würden im Januar drei neue Sozialarbeiter/innen eingestellt. Gute Sache? - Nein. Die drei neuen decken nicht mal die Ist-Bedürfnisse, aber schon im Januar kommen mindestens 100 neue Asylbewerber nach Baden-Baden. Neue Stellen für Februar und März müssten längst ausgeschrieben sein. Und war da nicht auch die Stelle der Integrationsbeauftragten neu zu besetzen?

Wenn die Stadt in punkto Neueinstellungen tatsächlich aus dem Vollen schöpfen kann, fragt man sich, warum sie es nicht tut. Warum kommen nur drei Sozialarbeiter, wenn dann mindestens vier benötigt werden? Und wo bleibt das versprochene Konzept für Waldsee oder Heitzenacker, wo demnächst - ab Februar schon! - dreihundert, im Heitzenacker sogar demnächst fünfhundert Asylbewerber angesiedelt werden?

Das grenzt schon fast an Mängelverwaltung. Da kann die Stadt wirklich froh sein, viele Ehrenamtliche zu haben, die unermüdlich helfen, wo sie gebraucht werden.

Rita Hampp