Freitag, 25. März 2016

Schussbach - Familiennachzug


"Sie drückten sich die Nase platt"

Es gibt Momente im Leben von Flüchtlingshelfern, da wissen sie einfach, dass es richtig ist, was sie tun. Da sind auch sie – obwohl sie vieles miterleben – zu Tränen gerührt, weil sie sehen, dass sich der Einsatz lohnt. Das kann der Tag sein, an dem der Asylantrag genehmigt wurde, oder der Tag, an dem der Schützling eine Arbeit gefunden hat oder – wie in diesem Fall – ein ganz besonders emotionales Erlebnis. Familiennachzug! Vor allem, wenn man als Helfer hautnah dabei ist, weil sich die Szene auf dem Flughafen in Stuttgart abspielt, zu dem die sehnsuchtsvollen Flüchtlinge aus Baden-Baden ohne seine Hilfe gar nicht gekommen wären... Hier, in nüchternen Worten, die Geschichte, aufgeschrieben von Klaus Pistorius:

Acht lange Monate waren sie voneinander getrennt – aber Anfang März 2016 war es soweit! Mit Ungeduld und Freude wurde Samira Birawi von ihrem Mann Adel und ihrem Sohn Omar in Deutschland erwartet. 
Nach ihrer Flucht aus Syrien – Bezirk Aleppo – lebten Vater und Sohn seit Ende September in der Unterkunft in der Schussbachstaße. Samiar hingegen war zurück geblieben, sie lebte vorübergehend bei ihrer Tochter in der Türkei in Adana unweit der syrischen Grenze. Der zweite Sohn lebt in Saudi Arabien. So hat der Krieg die Familie in alle Winde zerstreut.
Familie Birawi erlangte bereits Ende 2015 ihren Status als anerkannte Flüchtlinge. So konnte sie erreichen, dass Samira ein Einreisevisum von der deutschen Botschaft in der Türkei erhielt. Anfang März war es soweit, Samira sollte einreisen. Tag und Uhrzeit standen fest, aber wie sollten Mann und Sohn nun nach Stuttgart gelangen, um sie abzuholen?



Nachbar Klaus Pistorius sprang ein und fuhr mit Vater und Sohn zum Flughafen, wo der Flieger der Türkisch Airlines aus Istanbul landen sollte. Unendlich lange kamen den beiden Syrern plötzlich die objektiv recht kurze Zeit des Wartens vor! Subjektiv waren es gefühlte Jahre! Hoffen und Bangen waren fast greifbar – es wird doch nichts dazwischen kommen? 


 
Bei der Gepäckausgabe kann man die Ankommenden sehen, wenn sie aus dem Zoll zu ihrem Gepäck gehen. Dort drückten sich die beiden die Nasen platt, bis sie endlich Samira entdeckten.


Als Samira dann leibhaftig vor ihnen stand flossen Tränen des Glücks. Auch für den deutschen Begleiter ein schöner Moment, dieses Glück miterleben zu können. 


 
Aber in Baden-Baden angekommen, ging die Arbeit nahtlos weiter: Als Frau ist es für Samira unmöglich, in einer reinen Männerunterkunft zu wohnen. Aber die Familie hatte Glück: Es fand sich eine Wohnung in Steinbach für sich! Mit tatkräftiger Hilfe des Hausmeisters Jan Schnurr und einiger syrischen Kameraden war das wenige Hab und Gut schnell transportiert und aufgebaut. So konnte am Abend dann der erste Tee in der neuen Wohnung zu Dritt eingenommen werden. 

 
Viel Zeit zum Ausruhen blieb der Familie jedoch nicht, denn gleich standen die üblichen bürokratische Formalitäten an: Ummelden der beiden Männer, Anmelden von Samira, sich orientieren und dann – ganz wichtig für beide Eltern: Ein Sprachkurs! Auch das ist inzwischen auf bestem Wege, denn spontan hat sich eine Ehrenamtliche bereit erklärt, mit Samira Deutsch zu lernen.
 Der Weg ist weit, aber Schritt für Schritt ist er mit Disziplin, Durchhaltevermögen, Glück und mit Hilfe deutscher Unterstützer leistbar. 
 

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