Samstag, 29. September 2018

Café international - Ende


Fröhliches Abschiedsfest
für das Café international




Aus – Ende – vorbei! Oder anders ausgedrückt: Ziel erreicht! Zum Abschluss des Cafés international war der Bonhoeffersaal noch einmal voll, aber die Zahl der Gäste konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Leben ein Fluss ist und somit auch die Integration der einstigen „Flüchtlinge“ voranschreitet. 



Zu Beginn, während der heißen Zeit des Ankommens, war das Café, das die evangelische Stadtkirchengemeinde initiiert hatte und mit Manfred Bender an der Spitze sowie mit einem großen Team Freiwilliger unermüdlich jeden Freitag betreut wurde, ein willkommener Anker und auch eine wunderbare Drehscheibe zum gegenseitigen Kennenlernen, so wandelte sich der Sinn und Zweck der Begegnungen im gleichen Maße, wie aus Flüchtlingen Mitbürger wurden. War es einst für die neu Angekommenen wichtig, sich in der Stadt und in der fremden Kultur zurechtzufinden und Freunde und Haltepunkt zu finden, so wurde es bald zum Treffpunkt für erste sprachliche Gehübungen, dann Kummerkasten, aber auch willkommene Gelegenheit, den beengten und ungemütlichen Wohnverhältnissen am Stadtrand einmal zu entrinnen und gute Stimmung zu tanken. 


 
Die Ehrenamtlichen lernten, dass man auch ohne Alkohol fröhlich sein kann, und dass Sahnetorten eher argwöhnisch beäugt wurden, Pizza, Obst und Teigteilchen dagegen umso reißenderen Absatz fanden.
Das Café international entwickelte sich schnell zu einem beliebten Freitagstreff für Menschen wirklich aller Nationen. Auch wenn man nicht immer am selben Tisch saß, sondern es schon allein wegen der Sprache einfacher war, in Heimat-Runden zu sitzen, so war man doch unter einem Dach und in einem Raum versammelt, und an jedem Tisch gab es genügend deutsche Ansprechpartner, die für alle Fragen und Sorgen ein offenes Ohr hatten.

Knallvoll und entsprechend laut war es oft, der Tischkicker war dicht umlagert, oft verstand man sein eigenes Wort nicht. Weihnachten 2015 packte das Team 80 kleine Päckchen – und sie reichten nicht aus...
Immer beliebt und lehrreich: Die „18-Uhr-breaks“, Pausen, in denen man etwas lernen konnte. Über die Feiertage in Deutschland beispielsweise, aber auch über Gleichberechtigung oder die komplizierten Verfahrensabläufe unseres Asylrechts.
Und dann begann das, was alle ja angestrebt hatten: die „Schützlinge“ wurden flügge: Sie kamen in Deutsch-Kurse, fanden Arbeit oder Ausbildung, manche Glückliche sogar Wohnungen. Sie gründeten Familien oder ihre Unterkünfte wurden mal hierhin mal dahin verlegt. Das reine Frauencafé, das irgendwann dem gemischten Café vorgeschaltet wurde, damit sich auch traumatisierte Frauen einmal aus ihren Unterkünften trauten, um sich eher traditionell unter sich auszutauschen, konnte irgendwann eingestellt werden, weil die Frauen sich offenbar emanzipiert hatten und der Bedarf nicht mehr gegeben war. 
 
Der Bus, der einige von ihnen weit abseits am Stadtrand einsammelte, wurde weniger frequentiert, dann gab er, regelrecht symbolhaft vom Zeitpunkt her, den Geist auf und wurde nicht mehr ersetzt. Und so mehrten sich die Zeichen der Veränderung, des Loslassen, des Abschiednehmen.



Das nahmen Team und Gäste gestern anlässlich der interkulturellen Woche mit gewohnter Leidenschaft an. Sie feierten den dritten Geburtstag und boten noch mal alles auf, was kulinarisch möglich war -  übrigens mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn bei aller Freude war es natürlich extrem anstrengend gewesen, drei Jahre lang jeden, aber wirklich jeden Freitag bereitzustehen. Damit ist nun Schluss, es müssen sich neue Beschäftigungen und Hobbys gesucht werden! So wurde es also kein Trauermarsch, sondern ein fröhliches Fest. Es wurde diskutiert, gesungen, gelacht, umarmt – und stolz wurden auch die ersten in Deutschland geborenen Babys herumgereicht.




Oberbürgermeisterin Margret Mergen (hier im Gespräch mit Manfred Bender und Alaa aus Syrien) ließ es sich nicht nehmen, der großen Abschiedsfeier beizuwohnen. Manfred Bender, Herz und Leiter des Cafés, hätte auch gerne seine rechte Hand Joseph aus Syrien begrüßt, doch dieser konnte ausgerechnet gestern nicht kommen: Ein Unfall hatte ihn ausgebremst. Immerhin – auch das beispielhaft für den Fortschritt der Integration: Der ehemalige „Flüchtling“ hat inzwischen eine Ausbildung und den Führerschein gemacht, und arbeitet als LKW-Fahrer und ist sehr glücklich, weil er nach langen, schweren Jahren des Bemühens seit kurzem auch seine Frau und seine Kinder bei sich hat. Endlich! Auch die Wohnungsfrage hat sich für ihn gelöst, und zwar ganz, wie es sich gehört: Durch Paten, die er im Café international kennengelernt hatte. 


 

Diese Kontakte sind es auch, die Wesen und Ziel des Cafés waren. Manfred Bender brachte es in seiner Ansprache auf den Punkt: Während Sozialarbeiter bei ihrer Arbeit mit den Flüchtlingen nie die professionelle Distanz verlieren und keine Freundschaften aufbauen dürften, seien gerade persönliche Beziehungen Sinn und Zweck des Ehrenamts. Und diese Freundschaften sind beileibe keine Einbahnstraße, es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen und Ergänzen. Oder, wie Manfred Bender es nannte: „Ein Kollateralgewinn fürs Leben“.

Die Betreuung geht natürlich weiter, sei es in der Schule oder am Arbeitsplatz oder durch die gewonnenen deutschen Freunde - und natürlich auch durch das Diakonische Werk, das, so betonte Bender, auch weiterhin immer für die Sorgen und Nöte der Migranten da sein werde.